«Ich kann dieses Praktikum wärmstens empfehlen!»

Von März bis Oktober 2024 absolvierte Zollfachmann Roman Ambord ein halbjähriges Praktikum bei der European Free Trade Association (EFTA) in Genf. Gefragt waren neben exzellenten Englischkenntnissen auch Ausdauer und diplomatisches Geschick. Entstanden sind Kontakte in die ganze Welt.

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Roman Ambord (32) startete 2019 die Ausbildung zum Zollfachmann und arbeitete zuerst in Basel.

Seit dem Sommer 2021 ist er in Genf, rive droite stationiert.

Roman, am 18. März 2024 um 9 Uhr hast Du dich zum Antritt deines Praktikums am EFTA-Hauptsitz in Genf eingefunden. Mit was für einem Gefühl?

Roman Ambord: Ich kann mich noch sehr gut an diesen Moment erinnern und wie nervös ich war, da ich nicht wirklich wusste, was auf mich zukommt. Klar war natürlich, dass ich als Zollexperte arbeiten würde. Und klar war mir auch, dass ich in den kommenden sechs Monaten einen Einblick in die Welt der Handelsdiplomatie erhalten würde. Meine Kolleginnen und Kollegen aus dem internationalen Zoll-Team empfingen mich dann sehr herzlich und die grosse Nervosität legte sich bald.

Du hast auf dem EFTA-Sekretariat gearbeitet – was war die grösste Umstellung für dich und wie lief ein typischer Arbeitstag ab?

Die erste grosse Herausforderung für mich war die Sprache. Bei der EFTA gibt es die strikte Regel, dass alle arbeitsbezogenen Tätigkeiten in Englisch, der offiziellen Arbeitssprache der EFTA, ausgeführt werden müssen. Den «typischen» Arbeitstag gab es nicht. Und es machte einen grossen Unterschied, ob es ein Tag war, an dem Verhandlungen vor Ort stattfanden oder nicht.

Dann erzähl uns zuerst von Arbeitstagen ohne Verhandlungen.

Nun, auch wenn keine Verhandlungen anstehen, gab es eine breite Palette von Aufgaben. Täglich treffen zahlreiche Anfragen von Firmen aus der ganzen Welt ein, sei dies zu Freihandelsabkommen oder mit allgemeinen Zollfragen. Die müssen analysiert und beantwortet werden. Weiter überprüft das Sekretariat laufend die sogenannten Stempelnotifikationen von ausländischen Zollbehörden auf ihre Echtheit und leitet sie – falls diese korrekt sind – an die jeweiligen Zolldirektionen weiter. Parallel dazu werden die vergangenen Verhandlungsrunden evaluiert und die nächsten vorbereitet: Es gilt die relevanten Informationen zusammenzustellen, Reisen vorzubereiten, Berichte zu schreiben und vieles mehr.

Und wie siehts an den Verhandlungstagen aus?

Jede Verhandlungsrunde hat natürlich ihre Eigenheiten. Der grundsätzliche Ablauf ist jedoch immer derselbe. Am ersten Tag gibt’s einen Eröffnungsakt und die Delegation wird offiziell empfangen. In der Regel sind alle involvierten Personen dabei und die «Spokespersons» der EFTA und des Partnerlandes eröffnen die Verhandlungen formell. Danach finden die Verhandlungen in verschiedenen Gruppen statt, je nach Fachgebiet.

Und da konntest Du jeweils dabei sein?

Ja, ich war dabei in Verhandlungen mit Singapur, der Ukraine, dem Kosovo und Thailand – und das war enorm spannend. Aufgrund meines Zollwissens war ich meistens in den Gruppen Trade in Goods (Warenhandel) oder Rules of Origin (Urspungsregeln) eingeteilt. In jeder dieser Gruppe gibt es dann wieder eine/n Sprecher/-in. Vonseiten EFTA also immer jemand aus Island, Norwegen, Liechtenstein oder der Schweiz. Während der Verhandlung spricht ausschliesslich der/die Sprecher/-in. Sonst gäbe es wohl ein Durcheinander.

Das tönt interessant aber auch abstrakt. Die Diplomatie ist ja bekanntlich diskret, kannst Du trotzdem ein Beispiel machen?

Gerne. Sagen wir, ein Land X möchte mehr und günstigere Kaffeekapseln ins Land Y exportieren und zwischen den beiden Ländern gibt es kein Freihandelsabkommen. Land Y hat einen grossen Agrarsektor und deshalb Interesse, aus diesem Sektor möglichst ohne Zollhürden ins Land X exportieren zu können. Für beide Länder ist das andere Land also jeweils interessant, beide haben ein Interesse am Abbau von Handelshemmnissen. Nun werden die Bedingungen ausgehandelt. Das ist immer ein Geben und ein Nehmen.

Wie lange dauert es dann jeweils bis eine Lösung gefunden wird?

Meistens lange, es steht ja auch viel auf dem Spiel. Die jeweiligen Verhandlungsrunden – es gibt meistens mehrere – dauern von einige Tagen bis zu einer Woche. Und die enden natürlich nicht abends um 17.30 Uhr. Häufig gibt’s am Abend einen «Social Event», man isst gemeinsam, diskutiert weiter an möglichen Lösungen und lernt sich dabei auch ausserhalb der offiziellen Verhandlungen besser kennen. Dieser soziale Aspekt wirkt sich meist positiv auf den Verhandlungsfortschritt aus. Zudem waren diese Begegnungen mit Menschen aus der ganzen Welt auch persönlich für mich sehr bereichernd.

Gabs auch Schattenseiten?

Für mich hat wirklich alles gepasst. Klar, bei manchen Verhandlungen würde man sich wünschen, es ginge etwas rascher vorwärts. Und selbstverständlich muss man bereit sein, viel und zeitlich flexibel zu arbeiten, situativ auch bis spätabends. Im Gegenzug kriegt man einen enorm spannenden Einblick in die Welt der Handelsdiplomatie und lernt in kurzer Zeit sprachlich und fachlich viel dazu. Nicht zu vergessen: Man knüpft Kontakte in die ganze Welt. Ich habe wirklich jeden Moment dieses Praktikums genossen und kann es allen Interessierten wärmstens empfehlen.
 

Herzliche Dank für dieses spannende Gespräch, Roman!

European Free Trade Association (EFTA)

Die EFTA wurde 1960 mit dem Ziel gegründet, den Handel zwischen den Mitgliedstaaten durch die Beseitigung von Zöllen auf Industrieerzeugnissen zu erleichtern. Die Schweiz gehörte zu den Gründernationen. Ein Abkommen von 2001 zur Erneuerung der EFTA-Konvention integriert unter anderem neue Regelungen für den Handel mit Dienstleistungen, den Kapitalverkehr und den Schutz des Geistigen Eigentums.
Seit den 1990er Jahren nutzen die EFTA-Mitglieder ihre Organisation als Plattform, um Freihandelsabkommen mit Drittstaaten ausserhalb der EU auszuhandeln. 2013 verfügte die EFTA über ein Netz von 25 solcher Abkommen mit 35 Partnern, weitere werden laufend ausgehandelt. Heute gehören der EFTA neben der Schweiz auch Norwegen, Island und Liechtenstein an.

 

Praktikum bei der EFTA


Voraussetzung für ein Praktikum bei der EFTA ist die abgeschlossene Ausbildung im Bereich Warenverkehr und mehrere Jahre Berufserfahrung mit guten Qualifikationen beim BAZG. Wichtig sind weiter Offenheit und Interesse an neuen Aufgaben, Belastbarkeit, ausgeprägter Teamgeist, die Fähigkeit selbständig zu arbeiten, gute Englischkenntnisse in Wort und Schrift und Französischkenntnisse sind von Vorteil, Beherrschung der EDV-Tools (Microsoft Office), einwandfreies Verhalten im internationalen Umfeld und ein gepflegtes Erscheinungsbild runden das Profil ab. Die Praktika dauern 5 bis 6 Monate. Langfristige Engagements (3 Jahre, verlängerbar) sind ebenfalls möglich.
Weitere Informationen, einschliesslich zu Praktikumsmöglichkeiten oder langfristigen Engagements bei anderen Organisationen (EU-Kommission, Weltzollorganisation, Mission der Schweiz bei der Europäischen Union sowie neuen Kooperationen mit der Weltzollorganisation und dem Internationalen Währungsfonds), gibt es bei FHZA@bazg.admin.ch oder direkt beim Programmverantwortlichen beim BAZG, Ludovic Chesaux ludovic.chesaux@bazg.admin.ch, wenden. Eine Webseite, welche die verschiedenen Möglichkeiten aufzeigt, ist im Aufbau und wird in Kürze verfügbar sein.
 

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